Lebenswelt Kommune

Der Lebenswelt Kommune  kommt daher eine besondere Bedeutung zu, da hier nicht nur direkt verschiedene Zuständigkeiten, wie Bürgervertretungen, Verwaltungen oder sonstige Einrichtungen in deren Trägerschaft im Sinne der Verhältnisprävention gestalterisch tätig sein müssen, sondern auch sämtliche Mitbewohner jeder Altersklasse, sozialen Schicht (oder anderer soziologischer Unterscheidungsparameter) einzeln und in verschiedenen Lebenswelten und Themenvielfalt zusammenkommen. Die Kommune muss hier nicht nur der Chancengleichheit für Gesundheit nachkommen, sondern ist zudem Träger verschiedener Lebenswelten, selbst Arbeitgeber oder gesetzlicher Rahmengeber und Partner verschiedener Lebenswelten und deren Träger – und damit wesentlicher Gestalter für Verhaltens- und Verhältnisprävention auf Makro- wie Mikroebenen.

Die Bereiche der Prävention und Gesundheitsförderung bekommen darüber hinaus noch weitere Dimensionen. Genauso wie die Gesundheitspolitik eines Unternehmens mittlerweile häufig ein echtes und notwendiges „employer brand“ geworden ist, so sind die gesundheitlichen Rahmenbedingungen einer Stadt oder Kommune schnell im ökonomischen Kontext zu sehen und werden zu einem entscheidenden Kriterium zur Standortwahl für Firmen, Familien oder Fachkräfte. Die Rede ist also nicht mehr (nur) von medizinischer Versorgung oder der Erreichbarkeit öffentlicher Präsenzapotheken, sondern von Naherholung, Sport- und Fitnessangeboten, „sauberer“ Infrastruktur oder eine Ansammlung von gesundheitsbewussten Arbeitgebern und öffentlichen Einrichtungen, was schließlich auch in die Verantwortung von Stadtplanung, Stadtmarketing oder Wirtschaftsförderung fällt.

Gesundheit sollte demnach die kompletten Entscheidungsprozesse durchdringen – oder wie es die WHO schon in den 80er-Jahren formuliert und gefordert hat: „Health in all policies“.

 

Der GKV-Leitfaden als anspruchsvolle Grundlage

Der GKV-Leitfaden bietet als Interpretation des Präventionsgesetzes (u. a. §20 SGB V oder SGB IX) einen sehr umfassenden Anspruch und Gestaltungsrahmen zur kommunalen Gesundheitsförderung (GKV, 2018). Er kommt zu dem Schluss, dass Gesundheitsförderung grundsätzlich Aufgabe der Kommunen ist, die die Inklusion und Durchdringung aller Lebenswelten und Überwindung der Schnittstellen und gleichzeitiger Einbeziehung (Partizipation) insbesondere der sozial benachteiligten und gesundheitlich belasteten Menschen erzielen soll (u. a. durch Multiplikatoren). Erreicht werden soll dies u.a. durch Schöpfung von Synergien und neuen Potentialen im ganzheitlichen Ansatz

Er gibt dazu Qualitätselemente integrierter und ressort­übergreifender Gesundheitsförderung und Prävention in der Lebenswelt Kommune vor:

  • Stadtteilbezogene Bedarfsanalysen
  • Konzeptentwicklung
  • Strukturentwicklung
  • Nutzung vorhandener und Schaffung neuer Finanzierungsmodelle
  • Projektentwicklung durch Beteiligung und Zielgruppenorientierung (insbes. Erwerbslose, junge Familien, Menschen mit Behinderungen, zu Pflegende)

In der Theorie „Champions League“ – in der Umsetzung Kreisklasse?

Diese provokante Frage kann natürlich nicht für alle Kommunen gleich gelten. Keine Kommune ist vergleichbar mit der anderen – und damit sind die Rahmenbedingungen und Herausforderungen sowie die Zielsetzungen auch unterschiedlich groß, resp. die Entwicklung unterschiedlich weit vorangeschritten (wenn überhaupt angefangen). Diesen theoretischen Vorgaben stehen also in der Realität erhebliche Herausforderungen (oder auch "Sollbruchstellen") gegenüber :

  • Hoher Komplexitätsgrad allgemein (die Komplexität wird u.a. durch die Vielzahl von Zielgruppen, Themen oder sinnvoll abzugrenzenden Settings bedingt. In der Operationalisierung müssen demnach alle Parameter berücksichtigung finden)
  • Informationsüberschuss, Priorisierungs- und Selektionsschwierigkeiten
  • Komplexe Bedarfsanalyse, komplexe Umsetzungsentscheidung
  • Evaluationsschwierigkeiten primärpräventiver Programme und deren Interdependenzen (fehlende Legitimation) führt zu „Projektitis“
  • Fokussierung auf Verhaltensprävention
  • Ökonomische Interessen dominieren die Entscheidungsfindung
  • Interessenheterogenität in der Planung und Entscheidung - innen und außen (Allokation knapper Ressourcen)
  • Für Kommunen insgesamt oder Vertreter einzelner Lebenswelten sind Steuerkreise und Programmentwicklungen zeitliche und personelle Zusatzbelastungen
  • Fehlende Managementprozesse (Steuerung), fehlende oder konkurrierende Zuständigkeit und Verantwortung
  • Hürden durch bestehende, kommunale Rollenmuster und –konflikte
  • Ausgeglichene Partizipation meist unrealistisch (Randgruppen, Chancengleichheit)
  • Multiplikatorenschulung: Ungleichwertige Kompetenz in allen involvierten Lebenswelten

 

Die GPeV empfiehlt daher den Public Health Action Circle des Konzpetes von Great Place to Live:

 

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